Blog, Schreibtipps
04.08.2014

Engelchen und Teufelchen

Widersprüche machen Charaktere lebendig
von Josefine Gottwald
Im Interview mit dem Hugendubel-Magazin erklärte der schwedische Krimi-Autor Henning Mankell, wenn er Charaktere erschaffe, baue er sie immer auf Widersprüchen auf. Die Figuren müssten möglichst widersprüchlich sein, dann wären sie auch realistisch. Wirklich jahrelang habe ich diesen Ausspruch aufgehoben und bewundert, aber ohne formulieren zu können, wie man diese offenkundige Genialität nun tatsächlich geschickt umsetzen könnte.


(Bild: Kirill Kedrinski)

Dann las ich einen sehr erfolgreichen Roman, in dem genau dieser Grundsatz nicht beachtet wurde, und ich stellte fest, dass es dieses Problem war, dass mir den Spaß am Lesen genommen hat. Anscheinend war es weder selbstverständlich, noch allgemein akzeptiert und erst recht nicht einfach, sich nach der von Mankell propagierten Norm zu richten. Was also musste geschehen, damit die Charaktere widersprüchlich und lebendig wurden? Damit sie nicht länger nur Figuren blieben, sondern sich in wirkliche Menschen verwandelten?

Zunächst glaubte ich, mit den Widersprüchen war gemeint, dass jeder von uns Prinzipien verfolgt, bei denen er irgendwo die eine oder andere Ausnahme macht. Jemand kann zum Beispiel sehr ängstlich und zurückhaltend sein, aber irgendwann einmal über sich selbst hinauswachsen. Vielleicht erscheint jemand schweigsam und passiv, aber eines Tages haut er plötzlich auf den Tisch und sagt seine Meinung. Oder ein Mensch ist grausam und kalt gegenüber anderen, hat aber insgeheim einen Vertrauten, zum Beispiel ein Haustier, dem er sich ganz anders zeigt. Aber wieso das eine Figur echt machen sollte, verstand ich nicht. Wäre es nicht viel eher unglaubwürdig für die Leser, einen Charakter ganz unangekündigt über seinen Schatten springen zu lassen? Und das vielleicht auch noch mehrfach?

Tatsächlich können wir diese Art der Widersprüche bis zu einem gewissen Grad verwenden, aber für die Glaubwürdigkeit muss dann die Entwicklung der Charaktere sorgen, das Wachsen an ihren Herausforderungen. Diesem Thema will ich mich intensiver an anderer Stelle widmen; den Schluss zu ziehen, starke Figuren müssten möglichst häufig überraschend handeln, wäre jedenfalls ein grober Fehler, der zur Verunsicherung der Leser führt. Beim Lesen wollen wir glauben, die Figuren kennen zu lernen, sie einschätzen und lieben zu können. Wie kann uns jemand sympathisch erscheinen, der unberechenbar ist und seinen Charakter wie ein Fähnchen im Wind wandelt? Er würde uns doch vorkommen wie eine gespaltene Persönlichkeit. Nein, das wirkliche Geheimnis der Widersprüche ist weitaus komplexer.

Sabine Eberts »Geheimnis der Hebamme« las ich besonders aufmerksam auf Charakterisierung, weil mir ein erfolgreicher Historien-Autor andeutete, dass ihm die Figuren zu flach vorkamen. Mit jeder Seite stellte ich fest, dass ich seine Meinung in allen Punkten unterstützte: Die Heilkundige Marthe besteht in ihren Reaktionen (Handlungen, Dialogen und Gedanken) anscheinend nur aus einem einzigen Gefühl, und das ist Furcht. Sie fürchtet die Schergen ihres Herrschers, Überfälle auf der Reise des Siedlerzugs, sie fürchtet um die Genesung der Kranken, das Leben von Müttern und Kindern, sie fürchtet, ihre Liebe zu gestehen und ihr Geheimnis zu verraten, sie fürchtet ihre Hochzeit mit einem Mann, den sie nicht liebt, und immer wieder fürchtet sie die Willkür der Mächtigen. Angesichts des Settings aus Gewalt und Grausamkeit scheint diese Reaktion im ersten Moment angemessen, wenn auch eintönig. Erst bei genauerer Betrachtung ging mir auf, dass es tausend Momente gibt, in denen sie etwas anderes ausstrahlen müsste. Bei ihrer Arbeit im Kräutergarten oder der Behandlung von Kranken fühlt sie sich eigentlich sicher. Doch da sie diese Tätigkeiten routiniert ableistet, ohne dass ihre Gefühle beschrieben werden, und sie zudem häufig unter Aufsicht steht (durch eine Person, die sie wiederum fürchtet...), kann man leicht glauben, dass Marthe auch hier nur von Angst beherrscht wird.

Das zweite Gefühl, das sie eigentlich charakterisieren sollte, ist Liebe, aber die nimmt man ihr nicht ab. Warum? Weil, sie im Moment des Verliebens noch kein lebendiger Mensch geworden ist, und weil die Basis für ihre Liebe ein blasses Klischee ist. Marthes Zuneigung zu ihrem Ritter entsteht durch den sprichwörtlichen ersten Blick, bleibt aber völlig unbegründet. Das faszinierende, was sie an ihn denken lässt, ist einfach austauschbar durch ein Drittel der Personen, die im Buch vorkommen. Man kann sich beim Lesen überlegen, was diesen Ritter in ihren Augen anders macht, aber man kann es nicht fühlen. Ähnlich verhält es sich mit den anderen, die ihr nahe stehen sollten: Die Liebe zu ihren Ziehtöchtern ist mehr Mitleid, das nicht weiter vertieft wird (zum Beispiel durch Stolz, Freude, Gemeinsamkeiten), die Liebe zu den Dorfbewohnern ist Pflichtgefühl, begründet in Angst... Marthe lebt nicht, Marthe funktioniert als Teil eines Plans, der ein Buch ist. Aber im Ganzen macht eine schwache Charakterisierung einen Roman zu einem Bericht und ein Erlebnis zu einer Lektion.

Dieses einzige kleine Manko an dem Buch, das mir sonst wunderbar gefallen hat, konnte mir vor Augen führen, wie essentiell die Vielschichtigkeit, Facetten – eben Widersprüche – für die charakterbasierte Fiktion sind. Denn jeder echte Mensch ist mal ärgerlich, mal enttäuscht, mal leichtsinnig, eifersüchtig oder entschlossen – und versuchte er, noch so stoisch zu sein, Gefühle lassen sich nicht kontrollieren. Die entscheidende Frage ist, welche Situationen in uns diese Regungen auslösen. Und das ist das Geheimnis, dass sich mir erst in der Kombination beider Autoren eröffnete: Bei der Charakterisierung geht es darum, Persönlichkeiten zu schaffen. Die Psychologie unterscheidet verschiedene Typen, die man weiter ausdifferenzieren kann. Das Spannende an unterschiedlichen Menschen ist, dass sie auch unterschiedlich reagieren. Was den einen kalt lässt, kann den anderen auf die Palme bringen; im Alltag beobachtet man das überall und permanent.

Der Schlüssel der Charakterisierung liegt also darin, Figuren mit verschiedenen Situationen zu konfrontieren, die unterschiedliche – und zwar möglichst gegensätzliche – Emotionen provozieren. Was bringt die Figur zum Lachen? Wann ist sie traurig? Woran denkt sie mit Freude? Warum ist sie auf den einen eifersüchtig, was liebt sie an einem anderen? Und ganz entscheidend: Was hasst sie eigentlich? Denn jeder hasst irgendetwas, zumindest in einer von hundert Hass-Abstufungen. Und die starken Emotionen Liebe/Zuneigung und Hass/Abneigung binden die Figuren schnell und dauerhaft an einen Leser. Dazu aber an anderer Stelle mehr.

Ich möchte, dass ihr daran denkt, dass es niemanden gibt, der »ängstlich« ist, »lustig« oder »mürrisch«. Echte Menschen können lediglich bewusst oder unbewusst in unterschiedlichen Abstufungen reagieren. Jeder von uns hat sein Engelchen und sein Teufelchen auf der Schulter sitzen, gebt sie euren Charakteren mit und zeigt dem Leser, wie verschieden sie fühlen können, und sprecht so auch seine eigenen Emotionen an. Desto mehr Widersprüche, desto mehr Charakter. Desto mehr Liebe im Buch.


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